Augen im Alten Ägypten

Im alten Ägypten gibt es verschiedene Formen von Augen, die von Bedeutung sind. Es gibt zunächst das eigentliche Auge als Teil des Körpers und Sinnensorgan. In der hieroglyphischen Schrift sieht es wie ein normales etwas schmales Auge aus und hat den Lautwert „irt“ (phoentisch ir). Es steht zum einen für das Auge selbst, wie auch für alles, was mit dem Sehen zu tun hat.

Das Auge war im Alten Ägypten jedoch nicht nur ein rein physisches Sehorgan, man sprach ihm auch eine magische Bedeutung zu und sah es mit wichtigen Funktionen wie dem Denken und dem Fühlen verknüpft, da es zum einen in der Lage war Gefühle zum Ausdruck zu bringen und andererseits auch Gefühle und Ausdrücke wahrnehmen konnte. War das Auge in ein Oval eingeschlossen, stand es als Determinativ für „schön“.

Sesostris III. , Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, München

Die Ägypter glaubten, Augen könnten ein Fluidum zum Schutz aussenden, weshalb verschiedene Augen auch ein starkes Schutzsymbol waren. Die Tränen des höchsten Gottes Ra sind nichts anderes als die Menschen selbst, genannt remetj. Ein Auge des Sonnengottes Ra, wird mit der Sonnenscheibe assoziiert und bildet zusammen mit dem Mond das Himmelsaugenpaar.

Mondauge, Udjatauge, Horusauge

Das wohle bekannteste Auge ist das og. Horusauge. Es sieht aus, wie ein normales Auge, wird meist mit einer Augenbraue dargestellt und besitzt nach unten zwei Striche, einen geraden, der sich nach oben wieder teilweise verdoppelt und einen nach schräg unten gerichteten, der in einer kleinen Spirale endet. Beide Male unter den Augen, sind der Zeichnung eines typischen Falkenauges nachempfunden.

Der Bedeutung nach heißt das Udjat auch „das geheilte Auge“. Diese Bedeutung geht auf den Mythos des Kampfes zwischen dem Gott Horus, also dem Besitzer des Auges, und seinem Onkel Seth zurück. Nach dem Mord an Osiris, will Seth den Thron besteigen, den aber auch Horus, als Sohn von Osiris, für sich beansprucht. Im Kampf gegen Seth verliert Horus sein linkes Auge. Der ibisköpfige Gott Thoth heilt das Auge des Horus daraufhin und Horus gewinnt den Kampf um den Thron. Der Zyklus der Augenheilung, wird daher auch mit dem Zyklus des Mondes in Verbindung gebracht und Thoth ist somit auch einer der Mondgottheiten. Dabei wird das Schwinden des Mondes mit dem Kampf von Horus und Seth assoziiert und die Zunahme des Mondes mit dem Prozess der Heilung.

Das Udjatauge hatte aber noch ein ganz praktische Bedeutung: Es war schlicht ein grafisches Symbol für Getreidemaßeinheiten. Jedem einzelnen Teil des Auges war ein Teil eines Ganzen zugeordnet. Die insgesamt 6 verwendeten Bruchzahlen müssten insgesamt 64/64 ergeben tatsächlich ergeben sie aber nur 63/64.

Sonnenauge

Das rechte Auge des Himmels ist das Auge des Sonnengottes. Auch dieses Auge umgibt ein Mythos, der in unterschiedlichen Varianten existiert. Es ist der des Urschöpfergottes Atum (der hier in sehr enger Verknüpfung mit Re steht), Vater des ersten Götterpaares Schu und Tefnut. Da sich die beiden Kinder von ihrem Vater entfernten, entsendet der besorgte Atum sein Auge um sie zu suchen. Als seine Kinder zu ihm zurückkehren, weint er vor Freude und aus seinen Tränen die zur Erde fallen entstehen die Menschen. Deswegen wurde aus dem Wort rm.yt, für Tränen die Bezeichnung rmṯ für Menschen.

In einem weiteren Mythos wird berichtet, dass das Auge bei seiner Rückkehr erbost gewesen sein soll, da Atum(-Re) in der Zwischenzeit ein Auge nachgewachsen sein. Daraufhin habe es sich an seiner Stirn in Form einer Schlange platziert, die bekannte Uräus- oder Stirnschlange, die an vielen Statuen oder Königskronen vorzufinden ist.

Kriegerkrone mit Stirnschlange, Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, München

Als Auge des Re wurden insbesondere die gefährlichen weiblichen Göttinnen des altägyptischen Pantheons tituliert. Man betrachtete sie als seine göttlichen Vollstreckerinnen, da sie der menschlichen Sphäre näher standen, als der hoch am Himmel erhobene Sonnengott. Diesen schrieb man durchweg positive Eigenschaften zu, wie den zahlreichen Hymnen und Gebeten zu entnehmen ist. Nichteinmal ein Wort über die sengende Hitze in der Wüste wurde verloren. Zu den „Auge des Re“-Göttinnen gehörten Hathor, Sekhmet, Bastet, Rat-taui und Mut.

Die Göttin Mut in menschlicher Gestalt,
Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, München

Literatur:
Robert K. Ritner, The Mechanic of Ancient Egyptian Magical Practise
Hans Bonnet, Lexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte
Maria C. Betrò, Heilige Zeichen – 580 Ägyptische Hieroglyphen