Brauche ich eine Patronsgottheit?

Viele die sich für den Kemetismus zu interessieren beginnen, haben häufig schon einen Bezug zu einer bestimmten Gottheit. Meist sind dies die bekannten Gottheiten, wie etwa Isis, Horus, Re oder Seth. Daher ist es für viele naheliegend diese Gottheiten auch postwendend als ihre persönliche Bezugsgottheit zu deklarieren und auf dieser Basis in den Kemetismus einzusteigen. Dennoch halte ich persönlich es für ratsam gerade am Anfang diesen sehr exklusiven Bezug zu einer Gottheit zu lockern.

Bes - eine beliebte Volksgottheit, Staatliches Museum Ägyptischer Kunst München

Bes – eine beliebte Volksgottheit, Staatliches Museum Ägyptischer Kunst München

Vielleicht kann man sich das mit folgendem Vergleich ein wenig besser vorstellen. Angenommen man ist Schüler und zieht plötzlich in eine andere Stadt und wechselt die Schule. Plötzlich findet man sich also in einer Gruppe von vielleicht 30 Personen wieder, die man nicht kennt und versucht erste zaghafte soziale Bindungen herzustellen. Hätte man nun einen Freund oder eine Freundin aus der ehemaligen Heimatstadt dabei, wäre man wohl geneigt sich in der neuen Umgebung an das Altbekannte zu klammern, würde aber auf diese Weise wirksam verhindern, dass man neue Kontakte knüpft, dass man die Gruppendynamik der neuen Klasse kennenlernt, ihre Gewohnheiten und Gepflogenheiten und dann eben im Laufe der Zeit vielleicht auch einzelne Menschen näher und besser kennenlernt und irgendwann sogar neue gute Freunde findet.

Ganz ähnlich verhält es sich aus meiner Sicht mit dem kemetischen Pantheon. Nur, wie lernt man Götter kennen? Mein Rat an dieser Stelle:

Lest die Mythen!
Am besten immer wieder, in mehreren Varianten und Interpretationen.
Lest Gebete und Hymnen, lest wie die Menschen in Kemet ihre Götter verehrt haben.
Und lasst Euch Zeit, diese Dinge wirken zu lassen.

Papyrus Bibliothèque nationale 202 (oben)
und Papyrus Amherst IX (Astarte-Papyrus) (unten)
(Wikimedia Commons)

Die Überlieferungen – und das erachte ich als das eigentlich Wichtige – geben Aufschluss über die Art und Weise, wie die Götter untereinander und miteinander agieren. Es geht also gar nicht so sehr darum, ihre typischen Charakteristika aufzählen zu können, sondern darum sie in Aktion zu „beobachten“ und auf diese Weise kennenzulernen. Also in etwa als würde man in der besagten neuen Klasse sitzen und zunächst ein wenig zurückhaltend beobachten, wie sich die Leute verhalten, wie sie so ticken, wer eher extrovertiert oder eher introvertiert ist, wer vielleicht mit Vorsicht zu genießen ist und wer nett und hilfsbereit ist usw. In gleicher Weise kann man sich auch dem kemetischen Pantheon nähern. Wichtig ist hierbei einfach immer offen und interessiert zu bleiben und zwar am besten indem man sich täglich oder zumindest regelmäßig Zeit für diese Art des Kennenlernes nimmt. Dann wird sich fast von selbst irgendwann einmal eine stärkere Beziehung zu einer bestimmten oder vielleicht auch mehreren Gottheiten herauskristallisieren und dann machen Rituale, die auf bestimmte Götter ausgerichtet sind auch wirklich Sinn. Man darf sich dabei auch sicher sein, dass dieser Prozess nicht nur eine einseitige Entwicklung ist. Die Götter haben da durchaus auch ein Wort mitzureden, selbst wenn sie nicht filmreif wie ein Flaschengeist mit lautem Getöse in Erscheinung treten sondern sich vielleicht eher nach und nach immer deutlicher im Alltag manifestieren.

Vielleicht eine kleine Anmerkung, die ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen möchte. Viele, sehr viele Leute beginnen mit einer Vorstellung vom Kemetismus diesen zu praktizieren, der schon fast einer Priesterschaft gleichkommt. Auch ich kenne natürlich diese Visionen von anmutigen Priesterinnen in weißen wallenden Leinengewändern inmitten von Sandsteingemäuern, die von Rauchschwaden umgeben ihre Sprüche murmeln… Es liegt mir wirklich völlig fern diese Hingabe und Begeisterung in irgendeiner Weise anzuzweifeln oder gar gering zu schätzen, dennoch möchte ich hier empfehlen, sich von derlei Fantasien ein wenig zu distanzieren. Ganz einfach, weil man in der anfänglichen Begeisterung sehr dazu neigt, sich fürchterlich zu übernehmen und wenn etwas den Kemetismus im Speziellen auszeichnet, dann ist es das Primat der Beständigkeit und nicht das der lodernden Strohfeuer – und das müssen viele erfahrungsgemäß erst einmal (wieder) lernen. Kleine tägliche Gesten entweder an die Götter als Gesamtheit oder auch an einzelne Götter sind für den Anfang vollkommen ausreichend und stabilisieren die Verbindung.

Einfacher Ackerbau am Nil, 1921 (Wikimedia Commons)
So ähnlich kann man sich den Alltag in Kemet vorstellen.

Das was wir heute vom altägyptischen Kult wissen, geschah in weiten Teilen in Tempeln, hat aber wenig bis gar nichts mit der „Frömmigkeit des einfachen Mannes“ zu tun und ist daher für den Hausgebrauch meist etwas ungeeignet. Die bürgerliche Frömmigkeit war sehr viel schlichter, denn schließlich hatten die Menschen in Kemet als Angehörige einer Agrarkultur täglich Arbeit zu verrichten und keine Zeit (und keine Mittel) für ausschweifende Rituale. Und selbst in den Tempeln bestanden viele Aufgaben der Priesterschaft in ganz banalen Arbeiten, wie z.B. die Reinigung des Tempels.

Für die einfachen Menschen in Kemet stand weniger die Verehrung der Götter im Vordergrund, sonder recht unspektakuläre Dinge wie Arbeit, Familie und das soziale Leben. Die Götter waren vor allem dann zuständig, wenn es Schicksalsschläge gab, wie etwa Krankheiten, schlechte Ernten oder Todesfälle, denn die Ursachen dieser Dinge sah man letztendlich in der Sphäre der Netjeru beheimatet, die man entweder mit Opferungen oder anderen Formen der Zuwendung milde zu stimmen suchte. In diesem Fall wurden dann Priester konsultiert, die häufig im Grunde das gleiche taten, was heute Ärzte, Psychologen oder Rechtsberater tun würden nur mit dem allgegenwärtigen magischen Geist beseelt, der für die kemetische Kultur so typisch ist. Genauso rief man die Götter an um der Fruchtbarkeit auf die Sprünge zu helfen, dem Schicksal in Liebesdingen oder bei nachbarschaftlichen Streitigkeiten usw. Viele dieser Aufgabenbreiche wurden im Neuen Reich sogar von den Ahnen übernommen, die als eine Art „Sprachrohr“ zwischen den göttlichen und menschlichen Sphäre angesehen wurden, was sicherlich auch darin begründet lag, dass sich die Priesterschaft immer mehr zu einer staatlichen Elite augeschwungen hatte, die hauptsächlich dem König zugewandt war und damit auch die Götter in unerreichbare Ferne für den einfachen Kemeten drängte.

Generell muss man wohl zwischen meist sehr bekannten Staatsgottheiten und den „kleinen Volksgottheiten“ unterscheiden. Letztere sind natürlich weitaus schlechter dokumentiert. Manche Gottheiten blieben auch vollkommen auf einzelne Gaue oder Städte beschränkt. Kemet war ein multikultureller Schmelztigel aus verschiedensten Völkern die alle ihre eigenen Gottheiten und Kulte mitbrachten und man erkannte recht früh, dass es nur zu innerstaatlichen Unruhen führen würde, wenn man dem Volk seine Gottheiten nahm. So wurden z.B. viele der unbedeutenden Gottheiten als „Gesichter des großen Staatsgottes Amun“ deklariert. Ein politischer Schachzug um das Volk religiös zu einen.

Außerdem ist vielleicht auch zu bedenken, dass sich die Vielfalt der Gottheiten dem Altägypter wohl kaum in einer Weise erschloss, wie das heute im Zeitalter von Internet und Bibliotheken der Fall ist. Die verschiedenen Götter wurden ja zumeist lokal an bestimmten Orten verehrt, die der durchschnittliche Bewohner Kemets mangels Verkehrsmittel in der Regel selten verließ. Wir genießen also heute eher den Luxus und in der Vielzahl der Gottheiten, die sich teilweise in ihren Zuständigkeiten überlappen geradezu „wählen“ zu können, was unsere Vorfahren nicht konnten. Daher ist das „Aussuchen“ von Gottheiten eher eine moderne Erscheinung des Kemetismus, die jedoch in keiner Weise als „falsch“ oder „nicht traditionell“ zu bezeichnen ist. Nur tut man vielleicht gut daran sich als moderner kemetisch Praktizierender von der Illusion befreien, dass dies dem historischen Vorbild entspricht.

Um also die Frage „Brauche ich eine persönliche Gottheit?“ abschließend zu beantworten: Ich denke, die Frage stellt sich gar nicht. Das ist etwas, was sich im Zuge der modernen kemetischen Praxis meiner Ansicht nach von allein ergibt, wenn man regelmäßig den Kontakt zur Sphäre der Netjeru sucht, stabilisiert und ausbaut. Und es ist wichtig diesem Prozess Raum zu bieten. Das ist als würde man fragen „Brauche ich einen Freund?“ natürlich braucht jeder Mensch Freunde, dennoch ist das nichts dass man beschließt und dann „beschafft“, sondern es ist ein natürlicher Prozess auf den man sich einlässt indem man offen ist für Begegnung und bereit ist Loyalität und Beständigkeit zu bieten.