Schrein Grundlagen

Ein zentrales Element der kemetischen Praxis bildet der Schrein. Er dient als heiliger Ort, private Kultstätte und magischer Arbeitsplatz.

Um die Bedeutung dieses heiligen Ortes besser zu verstehen, ist es sinnvoll sich mit dem Begriff „Idolatrie“ zu befassen. Für viele, die in einem christlichen Umfeld aufgewachsen sind, ist es mit ambivalenten Gefühl besetzt Bilder oder Statuen zu beherbergen, Kultorte zu unterhalten bzw. Kultgegenstände zu verwenden.

 

Manchen ist es sogar eine willkommene Entschuldigung keines dieser Dinge zu benutzen, was streng genommen sehr unkemetisch wäre. Das biblische „Du sollst Dir kein Bildnis machen.“ kann man ins genaue Gegenteil verkehren, nämlich „Du SOLLST Dir ein Bildnis machen – am besten sehr viele Bildnisse, je mehr desto besser“. Im Kemetismus sind Statuen, Bildnisse, ja sogar Schriften Träger göttlicher bzw. vergöttlichter Entitäten. Das Bildnis wird wie die jeweilige Gottheit selbst behandelt und bedarf dementsprechender Riten und Gebräuche – und vor allem natürlich seinen eigenen geschützten Raum.

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Häufig werden die Begriffe „Schrein“ und „Altar“ synonym verwendet, ihre Bedeutung unterscheidet sich jedoch etwas. Besonders im Kemetismus ist eine Differenzierung dieser Begriffe sehr sinnvoll, daher zunächst eine kleine Erläuterung:

Schrein

Ein Schrein (lat. Scrinium) ist aus kunsthistorischer Sicht ein (meist verschließbarer) Behälter, z.B. ein Möbelstück oder sogar ein kleines Gebäude zur Aufbewahrung heiliger Reliquien oder Aufenthaltsort göttlicher Wesen selbst. Er dient in erster Linie dem Schutz derselben, sowohl vor ganz weltlichen Bedrohungen, wie Beschädigung, Diebstahl oder Umwelteinflüssen, aber impliziert auch gleichzeitig eine Trennung von weltlicher Sphäre und göttlicher Sphäre, die im wahrsten Sinne des Wortes „erschlossen“ werden muss. Als solches ist bereits das Öffnen/Aufschließen des Schreines eine kultische Handlung, die mit mehr oder weniger feierlichem Aufwand ausgeschmückt werden kann. Manche Schreine haben zu diesem Zweck sogar mehrere „Schichten“. Im weitesten Sinne kann man tatsächlich auch die Tempel als eine Art Schrein verstehen, denn auch sie dienen dem Aufenthalt und dem Schutz der göttlichen Wesen.

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Im alten Ägypten als „Reput“ bezeichnet galt der Schrein auch als das „Innere des Himmels“ und ist als solches bereits aus frühdynastischer Zeit belegt. Reput heisst wörtlich übersetzt auch Sänfte und bezieht sich auf einen ehemals tragbaren Schrein. Prozessionen waren fester Bestandteil der kemetischen Kulttradition und die Statuen der Götter – die Träger des göttlichen Geistes selbst – wurden dabei mit ihrem schützenden Schrein nicht selten durch das ganze Land getragen.

Altar

Das Wort „Altar“ leitet sich vom lateinische alta ara ab und bedeutet „hochgelegene Opferstätte“. Damit wird schon ein Unterschied zum Schrein deutlich, denn der Altar dient nicht der Aufbewahrung von heiligen Wesenheit und Dingen, er dient den kultischen Opferungshandlungen der Menschen in Verehrung für die Gottheiten. Wortverwandtschaften mit dem lateinischen adolare (=verbrennen) stellen auch einen Zusammenhang mit den recht häufig verwendeten Brandopfern dar. Der hebräische Begriff mizbeach, also „Schlachtstätte“ deutet auf die oft dargebrachten Tieropfer hin. Ein Altar ist häufig ein Tisch oder eine Fläche auf der entsprechende Kulthandlungen ausgeführt werden. Der Altar kann entweder selbst Unterlage der Opfergaben sein, er kann aber auch über eine Opferschale verfügen.

Kultfigur/Statue

Inzwischen gibt es erfreulicherweise viele Bezugsquellen für sehr schöne Statuen aus Kunststein. Stein hatte im Alten Ägypten eine tiefe Symbolik der Ewigkeit und Beständigkeit, daher ist die Verwendung von Steinstatuen der Verwendung von anderen Materialien sicherlich (wenn möglich) vorzuziehen. Für den Anfang kann man jedoch auch ohne weiteres auf ein einfaches Bild zurückgreifen. Allein die Herstellung eines solchen Bildes kann in sich schon als heilige, ehrende Handlung durchgeführt werden.

Reinheit

Reinheit ist ein sehr wichtiger Aspekt im Kemetismus. Das gilt natürlich auch für den Schrein, Statuen und Kultgegenstände. Wolle galt von je her als kultisch unrein, daher empfiehlt es sich im Schreininneren darauf zu verzichten. Es gibt zwar keine feststehende Regel dafür, jedoch verzichten die meisten auch weitestgehend auf Plastik und auf Kunstfaser. Im Alten Ägypten fand Leinen sehr häufig Verwendung, wer es also sehr authentisch halten möchte kann sich bei textilen Schreinelementen an Leinen halten. Ansonsten ist die Verwendung von pflanzlichen Naturfasern, wie Baumwolle oder Viskose geeignet. Bei Seide ist zu bedenken, dass es sich auch um ein tierisches Produkt handelt, auch Leder fällt unter diese Rubrik. Dennoch können unterschiedliche Fetische tierischen Ursprungs, wie etwa Knochen, Hörner u.ä. wiederrum kultisch von Bedeutung sein und kamen auch im Alten Ägypten vor. Regelmäßige Reinigungsrituale sollten in die kultische Praxis miteinbezogen werden. Zur Reinheit gehört natürlich auch, dass der kemetisch Praktizierende auch die eigene Reinheit nicht außer Acht lässt.

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So könnte ein typisch kemetischer Kultplatz aussehen

Idealerweise sollten die Götterbilder oder Statuen in einem verschließbaren Schrein stehen. Dazu eignet sich eine einfache Holzkiste mit Deckel die man Hochkant stellt, ein Schrankfach oder auch ein ganzer Schrank, der zum Schrein umfunktioniert wird, eine Kommode, ein Buffet. Statuen sollten für fremden Blicken und auf jeden Fall vor den Berührungen Fremder geschützt werden, da sie heilige Gegenstände sind. Manche öffnen ihren Schrein ausschließlich zu den Ritualen, anderen lassen sie vielleicht offen stehen, wenn sie zu Hause ungestört sind. Man kann sich auch für die offene Altar-Variante entscheiden, jedoch ist dann die kultische Reinheit wesentlich schwieriger einzuhalten. Dann wäre es evtl. ratsam Statuen und Kultgegenstände zu verhüllen oder an einen geschützten Ort zu bringen, wenn Besuch ansteht, der die kultische Reinheit nicht zu respektieren weiß.

Ein Behälter für Wasseropferungen oder andere Flüssigkeiten oder auch mehrere falls diese ab und zu getauscht und gereinigt werden. Hier sollte man bedenken, dass z.B. Wasser, Säfte und alkoholische Getränke Material angreifen können. Viele Steinschalen sind zwar sehr dekorativ, aber halten den Flüssigkeiten auf die Dauer nicht stand. Lebensmitteltaugliche und ggf. spülmaschinenfeste Behälter sind daher die bessere Wahl.

Ähnliches gilt auch für Teller oder Schalen die für Speiseopfer verwendet werden. Man sollte auch bedenken, dass Opfergaben in der kemetischen Praxis nicht weggeworfen werden, sondern traditionell vom Opferndem nach einiger angemessenen Zeit (z.B. am nächsten Tag) gegessen werden.

Ein Räuchergefäß, ein Räucherstövchen oder ein Halter für fertiges Räucherwerk sollte ebenfalls nicht fehlen, da Räucherungen fester Bestandteil vieler Rituale sind. Bei, Räucherwert sollte man prüfen, ob diese auch den Reinheitsanforderungen gerecht werden. Indisches Räucherwerk kann z.B. Kuhdung enthalten, was in der kemetischen Praxis als unrein gilt.

Eine Lichtquelle, idealerweise eine Kerze mit einem schönen Kerzenhalter gehört ebenfalls zur Basisaustattung. Vorsicht bei Kerzen die in Schränken oder Holzkisten verwendet werden, der Abstand zur Schrankdecke oder zum nächsten Regalboden muss ausreichend sein, damit es keine Brandflecken gibt. Gerade Teelichter entwickeln sehr viel Hitze.

Ehe man einen Schrank, eine Holzkiste oder die vielen einzelnen Ritualutensilien in Betrieb nimmt, sollten sie gut gereinigt werden, sowohl im weltlichen Sinne, als auch im spirituellen Sinne. Dafür eignet sich ganz traditionell das Natronsalz (Rezept hier), aber auch normales Salz, reinigende Räucherungen wie Kampfer oder Salbei können ebenso verwendet werden.

Weitere Kultgegenstände können besonderer Ritualschmuck, Dolche, Schwerter, Messer, Ritualkleidung, Bücher mit Sprüchen und Hymnen sein, Schmuck den man für die Götter anfertigt und um die Statuen legt und kleine Geschenke an die Gottheiten, die ebenfalls im Schrein ihren Platz finden dürfen.

„Shrine-mania“

Abschließend möchte ich noch einige persönliche Worte zum recht verbreiteten „Schrein-Wahn“ hinzufügen. Im Internet kursieren natürlich unzählige Bilder von atemberaubend schönen und aufwendigen Schreinen, die einen geradezu in Bewunderung erstarren lassen. Wahre Kunstwerke und Prunkstätten gibt es da vielerorts zu bewundern. Natürlich ist der Schrein kreativer Ausdruck der persönlichen Götterverehrung, jedoch möchte ich hier ein wenig zur Vorsicht raten, sich allzusehr ins Gestalterische zu verlieren. Mögen die Bildnisse noch so eine hohe Bedeutung in der kemetischen Religion habe, sie sind nicht ihr zentrales Wesen. Wer also knapp bei Kasse ist oder nicht so sehr mit gestalterischen Fähigkeiten gesegnet, aber dennoch mit Liebe und Hingabe einen einfachen kleinen Schrein einrichtet und diesen mit Beständigkeit pflegt und nutzt, findet ebenso die Gunst der Götter, wie die versierten „Schreinkünstler“. Was zählt, ist die Intention den Göttern einen beständigen Platz im eigenen Leben zu schenken und diesen mit Beständigkeit zu hüten – und der Schrein ist damit letztlich nur Abbild des Raumes im eigenen Herzen.

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