Was ist Kemetismus?

Kemetismus

Unter Kemetismus versteht man die Wiederbelebung und Rekonstruktion der altägyptischen Religion und Weltanschauung. Dies kann man entweder ganz für sich allein praktizieren, in einer Gruppe oder man schließt sich einem der größeren Tempel in den USA an.  Es gibt weder ein Glaubensbekenntnis, noch geht man irgendeine Verpflichtung ein, man muss noch nichtmal ausschließlich altägyptische Götter verehren. Die einzige Richtschnur die es gibt, ist die ausgesprochen gut belegte Überlieferung, die man in der umfangreichen Literatur der modernen Ägyptologie findet. Man kann also ganz frei entscheiden inwieweit man mitmachen möchte. 😉

Der Begriff Kemetismus kommt von „Kemet“ dem Eigennamen des Alten Ägypten. „Kemet“ bedeutet so viel wie „das schwarze Land“ und nimmt Bezug auf den schwarzen Nilschlamm, den die alljährlich wiederkehrende Nilflut mit sich brachte um die ausgedörrten Felder nach der Trockenperiode in fruchtbare Felder zu verwandeln.

Karte des Alten Ägyptens von Jeff Dahl, Wikimedia Commons

Karte des Alten Ägyptens von Jeff Dahl, Wikimedia Commons


Ma’at

Die Grundlage des Kemetismus bildet ein Prinzip namens Ma’at, welches oft mit „Balance“, „Weltenordnung“, „Gerechtigkeit“ oder „Wahrheit“ übersetzt wird. Es ist ein theologisches Konzept kosmischer Ordnung und religiöser Ethik mit einem hohen sozialen Anspruch. Die Ma’at hat aber nichts mit oberflächlicher Frömmelei zu tun, sondern mit Weisheit und Einsicht, wie das Leben um uns funktioniert.

Die Ma’at durchzieht sämtliche Sphären des Lebens, wie die Schöpfung, das soziale Leben, den Zyklus von Leben und Tod. Es ist kein starres Regelwerk sondern eine ethische Richtschnur im Geist der Gemeinschaftlichkeit, also ein soziales Prinzip, das Götter und Menschen gleichermaßen betrifft.

Im kosmischen Sinne bezieht sich die Ma’at auf die stetig fortlaufende Schöpfung, die als immer währender Prozess unendlich vieler ineinandergreifender Zyklen verstanden wird. Diese sind der Lauf der Jahreszeiten, Leben und Tod, Aussaat, Wachstum und Trockenheit, die wiederkehrende Nilflut um nur einige Beispiele zu nennen. Die Götter sorgen dabei nicht nur für den Lauf der Schöpfung sie sind der Schöpfung innewohnend.

Der oberste menschliche Schirmherr der Ma’at und mit deren Einhaltung und Verwirklichung betraut, war der Pharao. Er war nicht nur politisches sondern auch religiöses Oberhaupt des altägyptischen Staates. Den gibt es heute natürlich nicht mehr. Er war sozusagen der oberste Priester im Staat, ähnlich wie der Papst für die katholische Kirche. So geht die Verantwortung die Ma’at zu halten auf jeden einzelnen Kemeten über, jeder ist sozusagen Pharao in seinem eigenen Land und sorgt dafür.

Tempel von Luxor, Foto: Hajor, Wikimedia Commons

Tempel von Luxor, Foto: Hajor, Wikimedia Commons


Heka – Magie im Alten Ägypten

Heka, die altägyptische Form der magischen und kutlischen Praxis, ist allgegenwärtiger Teil des Alltags. Sie ist weder “gut” noch “böse” sondern vielmehr ein neutrales Werkzeug, das ganz selbstverständlich genutzt wurde und wird. Unter Heka versteht man die aktive Teilnahme des Menschen am Schöpfungsprozess.

Der Mensch ist den Göttern nicht untergeordnet, sondern kann sich im Rahmen des Ritus mit ihnen auf eine Stufe erheben um ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Im Allgemeinen übernahmen dies früher Priester, da der bürgerliche Ägypter vor allem damit beschäftigt war sein Land zu bebauen (bei 3 Ernten im Jahr hatte er da auch genug zu tun). Priester machten das was heute Ärzte, Psychologen oder Rechtsberater tun würden nur mit dem allgegenwärtigen magischen Geist beseelt, der für die kemetische Kultur so typisch ist. Man beschwor die Götter ganz selbstverständlich um der Fruchtbarkeit auf die Sprünge zu helfen, dem Schicksal in Liebesdingen, bei nachbarschaftlichen Streitigkeiten und um Körper und Geist zu heilen.

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Ahnen- und Totenkult

Im Alten Ägypten überwiegt der Totenkult, das heisst die Sphäre der Verstorbenen wird als getrennt von der der Lebenden angesehen und diese Grenze wird kultisch gewahrt. Lediglich im Neuen Reich weicht diese Grenze auf und die Verstorbenen werden zu einem Sprachrohr zwischen Göttern und Menschen. Dies liegt unter anderem auch darin begründet, dass sich die Priesterschaft immer mehr zu einer staatlichen Elite aufgeschwungen hatte, die hauptsächlich dem König zugewandt war und weniger dem Volk dient, womit auch die Götter in unerreichbare Ferne für den einfachen Ägypter gedrängt wurden. Durch die vergöttlichten Ahnengeister jedoch konnte diese unmittelbare Verbindung zu der Sphäre der Götter jedoch wieder hergestellt werden.

Die Kemeten von heute praktizieren den Ahnen- und Totenkult sehr unterschiedlich, viele besitzen Riten um die sog. „Akhu“, also die Ahnen, andere wiederrum befassen sich gar nicht damit. Die im Alten Ägypten übliche Mumifizierung wird heute natürlich nicht mehr durchgeführt, das sie gegen das Gesetz verstoßen würde, doch gibt es dennoch in den Tempeln eigene Begräbnisriten, die dem historischen Vorbild nachempfunden sind.

Praxis statt Theorie

In der altägyptischen Spiritualität liegt der Fokus in erster Linie auf der Praxis. Man spricht auch von der sog. Orthopraxie im Gegensatz zur Orthodoxie. Orthopraxie kommt aus dem Griechischen von orthos=richtig und praxis=Tun bedeutet also “das richtige Handeln”. Gemeint ist damit das Handeln im Sinne einer religiösen Praxis. Dazu gehören regelmäßige Rituale, magische Handlungen und die Interaktion mit den Göttern und Wesen der jenseitigen Welt. Der Mensch ist Teil eines natürlichen und sozialen Kosmos und durch den Kult als handelndes, denkendes und fühlendes Wesen in diesen eingebunden.

Cheops Pyramide in Gizeh, Foto: Berthold Werner, Wikimedia Commons

Cheops Pyramide in Gizeh, Foto: Berthold Werner, Wikimedia Commons